Online: 10.11.2017 - ePaper: 11.11.2017

Biosphäre als Allmende

Betrifft: Artikel "Werben für mehr Wertschätzung" (EJZ vom 7. November)

"Wir wirtschaften öffentlich, jeder kann uns auf den Feldern dabei zusehen." Ich glaube, es war vorletztes Jahr, als ich an einem komplett totgespritzten Acker bei Bussau vorbeifuhr, wo kurz zuvor noch (augenscheinlich gesundes) Wintergetreide aufgewachsen war. Wenig später wuchs Mais auf derselben Fläche. Da lag die Vermutung nahe, dass die nahegelegene Biogasanlage wohl höheren Gewinn versprach, als das Getreide erbracht hätte. Und wie praktisch, dass man das Mittel hat, eine Fehlplanung so einfach auszubügeln. Ich wünsche mir wirklich, dass ein verantwortungsbewusster Landwirt mir solche Praxis erklären kann. Überhaupt erklären, was ein "verantwortungsbewusster" Umgang mit einem Totalherbizid ist. Ich glaube, es ist deswegen so schwierig zueinanderzufinden, weil unsere ganze Kultur und Wirtschaftsweise aufgebaut ist auf der Denke in Privatbesitz, und gerade beim Wirtschaften mit der Natur tut sich ein immer größerer Zwiespalt auf. Es wird deutlicher, dass die Art des Umgangs mit dem Boden gravierende Auswirkungen hat aufs ganze System. Die Erde und alles, was in und auf ihr lebt, kann nicht anders begriffen werden als Allgemeingut, dessen Pflege für eine gewisse Zeit bestimmten Menschen überantwortet wird. Gängige Praxis ist aber noch immer, mit dieser Biosphäre umzugehen, als wäre sie ein Objekt in Privatbesitz, mit dem man alles machen kann, was nicht verboten ist. Unsere Gesetzeslage hinkt einer sich wandelnden Einsicht hinterher. Und die Bauern befinden sich in einer schwierigen Zwickmühle, müssen sie doch mit einem Betrieb über die Runden kommen, dessen Rahmenbedingungen von einem Wirtschaftssystem diktiert werden, das den Boden noch immer als private Ressource betrachtet und sich dafür bemüht, negativen Auswirkungen auf das größere System mit Ausgleichszahlungen für ein paar zusätzliche Blümchen am Rand der Monokulturen zu begegnen. Ökologisch wirtschaftende Bauern haben mit einer Art Selbstverpflichtung einen Schritt hin zum Gedanken der Biosphäre als Allmende gemacht. Am konsequentesten ist die Idee, dass auch die Konsumenten verantwortlicher Teil eines sich selbst tragenden Ökosystems sind, in der solidarischen Landwirtschaft umgesetzt, in der jeder mit einem festen Beitrag "seinem" Landwirt das Wirtschaften auf dem ihm anvertrauen Stück Erde ermöglicht, und dann eben auch eventuelle Ernteeinbußen mitträgt. Bis wir als Konsumenten von der bequemen Haltung "alles ist jederzeit verfügbar" runter sind, ist es noch ein Stück Weg, aber hier sehe ich mich mit den heimischen Bauern in einem Boot. Die Aufgabe, ein Stück Land zu betreuen, gute Lebensmittel zu erzeugen und unsere Biosphäre zu erhalten, ist eine der wichtigsten in unserer Gesellschaft. Unsere Bauern müssen die Sicherheit haben, dass eine verantwortungsbewusste Arbeit für das ganze System von allen mitgetragen wird. Wie kann das innerhalb der jetzigen Gesetzes- und Marktlage geschehen?

↔Simone Walter, Prießeck

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