Online: 17.11.2017 - ePaper: 18.11.2017

Vom kritischen Vergleich profitieren

Betrifft: Ausgrabung 1004 Gorleben

Als praktisch tätiger Archäologe erlebe ich es immer wieder, dass ich von Menschen mit nur geringen oder gar nicht vorhandenen Kenntnissen meines Fachgebietes darauf angesprochen werde, dass dieses oder jenes doch zu neu oder zu jung für die Archäologie sei. Offenbar existiert im Geiste vieler Menschen eine Art Trennlinie, jenseits der archäologische Forschung pauschal als irrelevant angesehen wird. Archäologie, das ist Tutanchamun, Ötzi, die Inkas, Ninive und natürlich auch Qumran und Pompeji. Darüber berichtet das ZDF bei Terra X, und davon hat sogar ein gewisser EJZ-Redakteur schon einmal etwas gehört. Aber Archäologie der Neuzeit, gar des 20. Jahrhunderts? So etwas braucht doch niemand, da es schließlich genügend andere Quellen oder gar Zeitzeugen gibt. Aber mit diesen Quellen ist das nicht so einfach, wie es einem Herrn Janssen mangels einer über das gelegentliche Konsumieren von Terra X hinausgehenden archäologischen Vorbildung erscheinen mag.

Was aufgeschrieben wird und was nicht, liegt immer im Auge des zeitgenössischen Betrachters. Vieles wurde und wird einfach als nicht überlieferungswürdig abgetan. Manchmal, beispielsweise bei den Gräueln der Nazi-KZs, wurde Aufgeschriebenes von den Tätern bewusst vernichtet, um nicht später zur Rechenschaft gezogen zu werden. Oft liegen auch längere Zeiträume zwischen dem Erleben und dem Aufschreiben, die den Wahrheitsgehalt einer schriftlichen Überlieferung beeinflussen. In all diesen Fällen kann der Vergleich mit archäologischen Relikten als Korrektiv für die schriftliche Überlieferung dienen - so auch in Gorleben, denn für einen Archäologen bleibt eine Grube eben eine Grube, egal ob sie 3000 oder 30 Jahre alt ist. Und die Überreste der Hütten unterscheiden sich in ihren Befunden aufgrund der Bauweise mit Holzpfosten sowie ohne Beton und Ziegeldächer nur wenig von denen prähistorischer Siedlungen.

Umgekehrt ist die Gorlebener Grabung aber auch eine Gelegenheit für die Archäologie, sich selbst angesichts zahlreicher anderer Quellen sowie vieler Zeitzeugen kritisch zu hinterfragen. Wo sonst kann man eine anhand von Pfostengruben rekonstruierte Hütte anhand von Fotos mit dem tatsächlich Dagewesenen vergleichen? Das geht bei den bronzezeitlichen Langhäusern von Hitzacker naturgemäß nicht, die allgemeine Interpretation von Baubefunden kann aber von solch kritischem Vergleich nur profitieren. Auch dies kann zu Erkenntnisgewinnen über vergangene Gesellschaften führen, die sich ein Herr Janssen bei seiner letztlich vergeblichen Suche nach dem Sinn der Grabung des Kollegen Dészi wohl kaum ausmalen kann. Aber er ist ja schließlich auch Journalist und nicht Archäologe, und genau wie er als Journalist niemals einen Sinn in der für ihn völlig fremden Welt der Archäologie der Moderne finden wird, werde ich als Archäologe niemals einen Sinn in seiner von fehlendem Hintergrundwissen geprägten Pauschalkritik sehen.

↔Rolf Schulze,

↔Trebel

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