Online: 17.11.2017 - ePaper: 18.11.2017

Inklusion keineswegs erfolgreich

Betrifft: Artikel "Früher mussten sie uns erst rufen" (EJZ vom 6. November)

Ist die Inklusion, so wie sie derzeit in unseren Schulen praktiziert wird, wirklich "absolut erfolgreich"? Ich unterrichte seit Jahren Klassen, in denen die Schüler inklusiv beschult werden, und kann bei Weitem nicht das für die Kinder tun, was eigentlich nötig wäre und möglich sein sollte. Sie sollen gute Lernvoraussetzungen haben, einen guten Abschluss erreichen und wissen, wie es weiter gehen kann. Und da sind wir keineswegs erfolgreich.

Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf (wer denkt sich solche Wörter aus?) werden jetzt nicht mehr getrennt von den anderen in einer Förderschule unterrichtet. Das ist in der Tat ein Fortschritt. Den größten Teil stellen die Schüler mit Unterstützungsbedarf im Bereich Lernen. Auch in meiner Klasse. Meine Förderschulkollegin und ich möchten diese Schüler, ihrem Leistungsvermögen entsprechend, unterrichten. Aber: Es fehlt an Material, Zeit, Räumen, Strukturen. Man kann diese Kinder nicht einfach mit in eine Klasse setzen, und dann läuft das schon. Sie benötigen spezielle Unterrichtsmaterialien, brauchen immer wieder Unterstützung.

Wenn sie die nicht erhalten, ziehen sie sich zurück. Es sind tendenziell nicht die Aufmischer, die das Bild prägen. Es sind eher die leisen, die übersehen werden und die häufig untergehen im großen System Schule. Natürlich gibt es auch Kinder, die dank des unermüdlichen Einsatzes der Regel- und Förderschulkollegen gut "inkludiert" (welch grässliches Wort) werden können. Das ist aber eher die Ausnahme, manchmal aber auch dem Zufall oder glücklichen Umständen zu verdanken.

Um als Lehrer professionell auf die Kinder mit Förderbedarf einzugehen, brauchen wir entsprechende Voraussetzungen. Und die fehlen an allen Ecken und Enden. Die Inklusionsklassen sind bei Weitem nicht ausreichend mit Förderlehrerstunden, speziellem Material, Material- und Rückzugsräumen ausgestattet.

Das Ergebnis: Für "meine" sieben Inklusionskindern, um die wir uns erheblich bemüht haben, haben wir zwar einiges in Bewegung gebracht. Aber nur einer wird eventuell nach einer Ehrenrunde einen Hauptschulabschluss schaffen. Zwei wechselten an Privatschulen, alle anderen werden ein zusätzliches Jahr beschult, und man wird sie irgendwann mit einem fragwürdigen Förderschulabschluss aus der Schule entlassen. Dann geht es in der Berufsschule weiter. Dass ihnen das Rüstzeug für eine erfolgreiche Ausbildung fehlt, wird spätestens dann offenbar.

Ja, ich halte die Inklusion für gut und richtig. Aber wir stehen erst am Anfang des Prozesses. Dass die Förderschullehrkräfte nun in den Schulen unterrichten, war ein wichtiger Schritt. Aber ihre Stundenzahl reicht bei Weitem nicht aus. Auch die Regelschulkollegen brauchen zusätzliche Stunden, Material und Struktur für Inklusionsklassen, um sich auf die besonderen Anforderungen der Kinder vorbereiten zu können.

Wenn Inklusion weiterhin als Sparmodell genutzt wird, geht das auf Kosten der Kinder. Und der überlasteten Kolleginnen und Kollegen,

↔Birgit Fuhrmann,

↔Karmitz

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