Online: 24.11.2017 - ePaper: 25.11.2017

Weckruf anstatt Angriff

Betrifft: Leserbrief "Insektensterben von Autoren offensichtlich dramatisiert" von Karl Kühn (EJZ vom 18. November)

Die Datenlage zum Insektensterben ist dünn, aber eindeutig. Die absoluten Zahlen sind auch nicht strittig, lediglich die Prozentzahl und die Ursachenzuschreibung. Die Prozentzahl: Wäre die Meldung nicht genauso erschreckend, wenn es geheißen hätte: 35 Prozent der Insektenmasse weniger in den letzten xy Jahren? Ich hoffe schon. Sich lange mit den Prozentzahlen aufzuhalten, halte ich für überflüssig. Es ist wenig förderlich für eine Diskussion, wenn man sich auf eine Plattform wie "Science Files" beruft. Hier wird durchgängig ein herablassender bis zynischer Sprachstil gepflegt, der mir aus der Skeptikerszene seit vielen Jahren bekannt ist. Seriöse Wissenschaftler mit soliden Argumenten haben es nicht nötig, mit einem solchen Sprachstil zu kommunizieren. Schade, denn eine fundierte sachliche Kritik wäre dem wissenschaftlichen Diskurs höchst dienlich.

Zu den Ursachen: Der Einsatz von Glyphosat ist höchstwahrscheinlich nicht Allein-Verursacher. Weitere Faktoren sind Pestizide aller Art, darunter Neonicotinoide. Dieser Zusammenhang ist augenfällig (evident) und würde jeder weiteren Untersuchung standhalten. Robert Settele, Agrarbiologe und Schmetterlingsspezialist am Helmholtz-Institut für Umweltforschung äußert sich entsprechend: "Bei Neonicotinoiden handelt es sich um hochtoxische Stoffe." Und weiter: "Diese Stoffe bauen sich wesentlich langsamer ab, als bisher gedacht. Das führt dazu, dass die Gifte großteils auch im Boden und im Wasser landen." Andere Faktoren seien Monokulturen im Agrarbereich und der Verlust von Hecken und Randstreifen an Feldern. Es bleibt dabei: Auch der Agrarbiologe findet die möglichen Ursachen in der industriellen Landwirtschaft.

Ich wünsche mir, dass unsere Landwirte diese Diskussion nicht als Angriff, sondern als Weckruf verstehen und sich - baldmöglich und aus Einsicht in die Notwendigkeit - einer gentechnik- und giftfreien Landwirtschaft zuwenden.

Jürgen Pötschik, Prießeck

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