Online: 01.12.2017 - ePaper: 02.12.2017

Familienpolitik in Schnega

Betrifft: Artikel "Streit um evangelische Schule" (EJZ vom 15. November)

Mit dem Verzicht Wilhelm von Gottbergs auf das Bürgermeisteramt und den Neuwahlen ergab sich für nicht-rechte Schnegaer Bürger die Hoffnung, dass sich die Gemeindepolitik ändern würde. Doch nun nach einem Jahr zeigt sich, dass der Einfluss von Gottbergs auf den Gemeinderat ungeschmälert ist, seine Familienpolitik geht weiter wie gehabt. Nach der von der Gemeinde finanzierten Arztpraxis für seinen Sohn nun die mietfreie Überlassung der Schule für seine Schwiegertochter. Als Zuhörer der Gemeinderatssitzung war ich sehr verwundert, besonders über das Verhalten der Opposition. Es gab zwar eine lange Auseinandersetzung, bei der Abstimmung gab es dann aber doch nur eine Gegenstimme von Holger Behn (Grüne). Genauer betrachtet drehten sich die kritschen Stimmen auch nur um die Höhe der zu erwartenden Kosten. Es gab weder eine grundlegende Skepsis an der Privatschule noch an dem Mietverzicht. Auch die Werbereden Wilhelm von Gottbergs und der neuen Bürgermeisterin Annegret Gerstenkorn, dass nur diese Schule Schnega vor ausgehenden Lichtern bewahren könnte, blieben unwidersprochen.

Glaubt man vielleicht, dass der Verlust der öffentlichen Grundschule durch die Förderung einer Privatschule aufgehoben werden kann? Eine Privatschule ist nur etwas für ein begrenztes Klientel. Die angeblich evangelisch religiöse Ausrichtung wird nicht mal vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis unterstützt. Es ist also eher eine Art Sekte, die davon angesprochen wird.

Es gibt Befürchtungen, dass besonders rechte Kreise diese Schule nutzen würden, die sich zunehmend auch auf dem Land ansiedeln. Das sind natürlich nur Unterstellungen, denn beweisen lassen sich ungeäußerte Absichten nicht. Aber für den Mainstream braucht es keine Extraschulen, und für eine linke oder antiautoritäre Schule würde sich Wilhelm von Gottberg mit Sicherheit nicht einsetzen.

Bundesweit ist er als Rechtsextremer bekannt, der einem Zitat über den Holocaust als Mythos nichts hinzuzufügen hatte. Doch für Schnega ist er der freundliche alte Herr von nebenan, dem man keinen Wunsch abschlagen kann. Und dem man bei seiner Deutung von Privatinteressen als Gemeindeinteressen gerne folgt. Nur in Schnega ist es Gemeindeaufgabe, eine Arztpraxis einzurichten, woanders muss der Arzt sich selber darum kümmern. Woanders müssen Privatschulen auch Miete zahlen für ihre Räume. Angesichts dieser seltsamen Großzügigkeit könnte man glauben, die Gemeinde Schnega sei besonders reich. Ist sie aber nicht. Verschenkt wird ihr ohnehin schon sehr knapper finanzieller Handlungspielraum.

↔Jobst Quis,

↔Molden

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