Online: 15.12.2017 - ePaper: 16.12.2017

Fragwürdige Erinnerungskultur

Betrifft: Gedenken am Volkstrauertag

Am Sonntag, dem 19. November, wurde auf dem Friedhof in Wus-trow eine provisorische Gedenktafel öffentlich vorgestellt, die die Namen von Bürgern aus Wustrow und umliegenden Orten zeigt. Es handelt sich dabei um Personen, die in den Jahren des 2. Weltkrieges verstorben sind und deren Tod mittelbar oder unmittelbar mit dem Kriegsgeschehen in Zusammenhang steht; um Frauen, Vertriebene, Soldaten, politisch Verfolgte, Zwangsarbeiter, Kinder.

Darunter findet sich auch der Name unseres Vaters Willy Buhre. Auf der angemessen schlichten Tafel erscheinen lediglich Vor- und Nachname der Verstorbenen.

Ohne akribische, aufwendige Recherche wäre diese Präsentation nicht möglich gewesen. All den Frauen und Männern, die sich ehrenamtlich dieser Aufgabe angenommen haben, sei ausdrücklich gedankt. Im Museum Wus-trow gab es anschließend noch die Möglichkeit, die Tafel und Nachforschungsergebnisse (zum Beispiel Todesanzeigen der Gefallenen) intensiv zu studieren und sich mit Nachkommen der Verstorbenen auszutauschen. Was mich dagegen fassungslos zurückließ, war die nach dem Kirchgang auf dem Friedhof abgehaltene Zeremonie vor dem Gedenkstein der im 1. und 2. Weltkrieg gefallenen Soldaten. An dem Ort also, an dem demnächst auch die bronzene Namensplatte ihren endgültigen Platz finden soll. Diese Zeremonie, in deren Verlauf der Posaunenchor das Lied "Ich hatt' einen Kameraden..." anstimmte und sowohl der Kyffhäuserbund als auch andere Vereine vor dem Gedenkstein auftraten - begleitet von Trommelwirbel - erschien mir in dieses Form so unangemessen, dass ich frühzeitig den Friedhof verließ. Diese Art der "Traditionspflege" hat nach meinem Empfinden deutliche Bezüge zu den dunkelsten Kapiteln unserer jüngeren Vergangenheit. Es war, als hätten die langen Jahre der Aufklärung und Aufarbeitung unserer Kriegsschuld allzu wenig bewirkt und die Rituale von damals hätten heute noch ihre Berechtigung. Ich hätte mir ein sensibleres Auftreten der beteiligten Abordnungen gewünscht.↔

Rosemarie Butzmann,

Hamburg

^ Seitenanfang