Online: 02.01.2018 - ePaper: 03.01.2018

Die Gewalt war schon da

Betrifft: Artikel "Protest gegen G20-Fahndung" (EJZ vom 21. Dezember)

Wie mich das ankotzt, immer wieder auf die eine Frage reduziert zu werden, wie hälst du es mit der Gewalt und dem Stein. Kein Wort dazu, warum Steine geworfen werden, kein Wort zu der strukturellen Gewalt. Der Widerstand und der Protest - auch wenn er sich in Zerstörung und Angriffen auf die Staatsgewalt äußert - ist eine Reaktion auf die bereits existierende Gewalt unserer Herrschafts- und Machtverhältnisse, in denen wir global leben.

Wenn der Wohlstand Weniger auf der Ausbeutung des Restes der Menschheit basiert entlang ehemals kolonialer und rassistischer, patriarchaler Politik, dann ist das Gewalt. Der Kapitalismus, der die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer macht, ist Gewalt. Wenn die ärmere Bevölkerung dieses Planeten soviel besitzt wie die 85 Reichsten, wenn 800 Millionen Menschen nicht genug zu essen haben, dann ist das Gewalt. Wenn 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind und Tausende jährlich im Mittelmeer ertrinken, dann ist das Gewalt. Wenn Oury Jalloh gefesselt in einer Polizeizelle verbrennt und niemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird, wenn deutsche Polizei und Geheimdienste offensichtlich mit Neonazi-Strukturen und die NSU-Morde verstrickt sind, dann ist das Gewalt. Wenn Deutschland Krieg in Afghanistan führt oder geflüchtete Menschen wieder dahin abschiebt, wenn Deutschland in alle Welt Waffen verkauft, dann ist das Gewalt. Und wenn dieser Planet tagtäglich noch mehr den Bach runtergeht , die Umweltzerstörung zunimmt, das Klima sich erwärmt, die letzten Winkel unberührter Natur vernichtet und ausgebeutet werden für die Profitinteressen, dann ist das Gewalt.

Die Gewalt war schon da in Hamburg, ehe wir überhaupt kamen, und sie hat vielerlei Gestalt. Einen interessanten Gedanken entwickelte der Jounalist Jakob Augstein in einem Artikel, als er die angezündeten Autos, der Deutschen Heiligtum, in den globalen Zusammenhang eines weltumspannenden wirtschaftlichen System stellte. Vorstellbar wäre doch der Hinweis, dass die Besitzer dieser Autos, die sich unschuldig und unbeteiligt wähnen, plötzlich daran erinnert werden, dass sie beides eben nicht sind. Denn das Auto ist selber kein wertneutraler Gegenstand, sondern ein politisches Objekt. Es besteht aus Rohstoffen, die unter den Terms of Trade einer von den G20 beherrschten Welt gefördert und hergestellt wurden, Kupfer aus Chile, Bauxit aus Guinea, Seltene Erden aus China, geschürft, transportiert, verarbeitet unter Bedingungen, die man mit gutem Gewissen weder den Menschen, noch dem Planeten zumuten kann. Wir alle haben dabei kein schlechtes Gewissen. Wir erkennen die Gewalt nicht, die wir selber ausüben. Nur die, die wir selber erfahren.

Die Fahndungsmethoden, die jetzt angewandt werden, sind Gewalt gegenüber Menschen, deren Schuld weder bewiesen, noch deren Schwere, ein Flaschenwurf, von dem niemand verletzt wurde, solche Methoden rechtfertigen. Es wäre schön gewesen, wenn die EJZ sich auch dazu mal eine paar Gedanken gemacht hätte. Hans-Erich Sauerteig,Meuchefitz

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