Online: 05.01.2018 - ePaper: 06.01.2018

Der Westen guckt zu

Betrifft: Boykottaufruf des israelischen Verteidigungsministers

"Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden". Ich dachte, so ein Satz kommt nur aus dem Munde eines bösen Deutschen während des dritten Reiches. "Kauft nicht bei Arabern". Dieser Boykottaufruf von Israels Verteidigungsminister Lieberman erinnert genau an jenes dunkle Kapitel der Menschheit. Weiter heißt es in dem Aufruf: "Wir müssen ihnen das Gefühl geben, dass sie hier nicht willkommen sind". Es folgte dann die systematische Zerstörung der arabischen Häuser und die Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Stadt Jerusalem. Die Geschichte wiederholt sich, nur dieses Mal sind die Opfer von damals die Täter von heute.

Vor der Abstimmung der Vollversammlung beschimpfte der Regierungschef Netanjahu die UNO als "Lügenhaus". Vor 100 Jahren schenkten die Engländer Palästina an die Juden zur Errichtung einer nationalen Heimstätte (Belfour-Deklaration). Am 15. Mai 1948, nach Abzug aller Briten aus Palästina, wurde der Staat Israel ausgerufen. 2017 schenkte Trump Israel die Stadt Jerusalem, als ob dies sein Eigentum wäre. Tausende Palästinenser sind dem Aufruf zu einem Tag des Zorns gefolgt. Israelische Einsatzkräfte antworteten wie immer mit Tränengas, Gummigeschossen und scharfer Munition. Mehr als 18 Tote und 1750 Verletzte gab es unter den Palästinensern. In der hiesigen Presse und den Medien wurde sehr wenig darüber berichtet. Ohnehin erfahren wir nur das, was wir wissen dürfen. Israel hat quasi einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat und wird durch die USA vertreten. Dadurch wurden seit Jahrzehnten die Verurteilung Israels wegen seiner Gräueltaten gegen die Palästinenser verhindert. Der Widerstand der Palästinenser wird als Terror abgestempelt, obwohl es heißt: "Wenn Unrecht zu Recht wird, ist Widerstand eine Pflicht." Dagegen werden die massiven Luftangriffe auf das Massenlager Gaza-Streifen mit einer Fläche wie die Insel Sylt, wo 1,5 Millionen Menschen leben, als Selbstverteidigungsrecht gegen die rechtsradikalen Hamas-Kämpfer bezeichnet. Dieses Abschlachten und Massakrieren überwiegend der Zivilbevölkerung finden statt, und die Israelis - die meisten, wenn nicht alle - wollen nichts davon wissen, wissen nichts und vor allem kümmert es sie nicht. Die Zweistaatenlösung ist obsolet, da die illegalen Siedlungsgebiete der Ultrakonservativen tief in palästinensischem Kernland, ja sogar in Hebron, liegen und hohe Betonmauern über 700 Kilometer Länge, beispielsweise die Westbank in viele Stücke zerreißen. All diese Untaten finden statt, und der Westen guckt zu. Eine bedeutende Rolle spielen dabei vor allem die USA und die Israel-Lobby. Wer diese Politik, egal aus welchem Motiv, gut findet, macht sich genau so schuldig. Man kann nicht ein Unrecht gut machen, indem man ein neues Unrecht unterstützt. Wir brauchen dort zwei großartige Männer wie Mandela und de Klerk, die das Ende des Apartheid-Regimes in Südafrika friedlich besiegelt haben, denn es gibt keinen Weg für den Frieden, Frieden ist der Weg.

Nuri El Ruheibany, Lüchow

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