Online: 09.03.2018 - ePaper: 10.03.2018

Glaubwürdigkeitskrise der Grünen

Betrifft: Artikel zum Windkraftausbau von Dr. Julia Verlinden (EJZ vom 23. Februar) und Umweltminister Olaf Lies (EJZ vom 26. Februar)

Mehr Autos, vor allem SUVs, mehr Flugverkehr, mehr Windkraftanlagen. Die einen künftig elektrisch angetrieben, die anderen mit zehn Prozent ökologischem Senföl im Kerosin, um sieben Prozent weniger CO2-Emissionen vorzuweisen, die letzteren, "um weitere Rückschritte beim Klimaschutz zu verhindern" (Dr. Julia Verlinden). Das soll nachhaltiger Umweltschutz sein? Kein Wunder, wenn die beiden Parteien, die hier den Mund voll nehmen, um "Öko-Strom" und grüngewaschenen Konsum anzupreisen, in der größten Glaubwürdigkeitskrise ihrer Geschichte stecken und weiter abgewählt werden. Haben die (längst nicht mehr) "Grünen" und die Pseudo-"Roten" denn nichts von der fortgeschrittenen Energiewendediskussion kapiert? Oder befürchten sie, mit dem Stand der Erkenntnisse ihr Klientel zu verprellen?

Die Vernunft müsste doch auch ihnen sagen: Es gibt kein Wachstum ohne weitere Ressourcenplünderung; es gibt keine Hyper-Mobilität ohne Erderwärmung; es gibt keinen "naturverträglichen" Energiezuwachs ohne Zerstörung der Natur. Wie viel mehr als die bereits 30000 Windkraftanlagen müssen es noch werden, bis man den realen Irrsinn durchschaut, dass die Energiewende nicht nur längst gescheitert ist, sondern mittlerweile selbst zu dem Problem geworden ist, das sie zu lösen versprach: ein Umweltproblem.

Wenn jetzt im Spätkapitalismus, höchst sozialismusverdächtig, kostenlos Busse und Bahnen anvisiert werden, dann scheint man das Offenkundige nicht mehr verheimlichen zu können: dass es in erster Linie die imperiale Lebensweise (Brand/Wissen 2017) jener Emittenten ist, die sich in ihrem suchthaften Konsumverhalten, insbesondere ihrem Mobilitätswahn, ändern müssen. Am 1. Februar las man in der EJZ, wie schlimm der Flugverkehr "mit Blick auf die persönliche Umweltbilanz" ist: Der CO2-Ausstoß eines einzigen Fluggastes bei einem Langstreckenflug bzw. bei zwei "normalen" Flugreisen entspricht dem, "was ein häufig gefahrenes Auto innerhalb eines ganzen Jahres verursacht". Wenn man bedenkt, dass 2016 in Deutschland die Zahl der Flugpassagiere auf 111,9 Mio angestiegen ist, kann sich jedes Kind mit seinem smarten Phone ausrechnen, in welchem Mengenverhältnis dies zum ebenfalls höchst prekären Straßenverkehr steht, der - was die individuelle Kilometerleistung angeht - dem Automobilisten echtes Geld kostet. Fliegen geht billiger: 6385 km von Berlin nach New York kosten bloß noch 139,99 Euro. Mit "wenig Geld um die halbe Welt" (EJZ vom 23. Februar) zerstört man lässig die ganze. Was hat das alles mit denen zu tun, die seit Jahrzehnten nach mehr Windkraft schreien? Am 12. November 2014 erfuhr man es in einer Spiegel-online-Untersuchung: "Ausgerechnet die Wähler der Grünen steigen am liebsten ins Flugzeug", diejenigen, die sich als die Speerspitze des Umweltschutzes sehen. Dr. Thomas Krauß, Schnackenburg

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