Online: 20.03.2018 - ePaper: 21.03.2018

Schuldgefühle unnötig verstärkt

Betrifft: "Ein Leben gegen den verzweifelten Selbstmord" (EJZ vom 12. März)

Für mich ist es begrüßenswert, dass Herr Piel über die Arbeit der Suizidforscherin Dr. Bennefeld-Kersten berichtet und damit ein Thema etwas aus der Tabuzone holt. Sehr schade ist dann allerdings aus meiner Sicht als Trauerbegleiter, dass Herr Piel das Wort "Selbstmord" oft benutzt, obwohl Frau Bennefeld-Kersten es konsequent vermeidet. Wahrscheinlich ist ihr bewusst, dass in unserer Gesellschaft, in der Tod und Trauer ohnehin tabuisiert sind, es die Angehörigen von Menschen, die sich selber das Leben nehmen, besonders hart trifft, wenn nun auch noch das Wort "Mord" ins Spiel kommt, dass schon vom Juristischen her mit heimtückisch, hinterlistig, aus niederen Beweggründen und so weiter assoziiert wird. Solche Beschreibungen werden den Beweggründen für eine Selbsttötung nicht gerecht und verstärken nur unnötig die Schuldgefühle, die die Angehörigen von Suizidopfern ohnehin sehr belasten.

Hilfreich für diese Trauernden sind Informationen, die verdeutlichen, dass sie alles andere als allein sind mit diesem Schicksal. Jährlich sterben in Deutschland etwa 10000 Menschen durch Suizid. Das sind weit mehr als Verkehrstote, Drogen-, Mord- und Aidsopfer zusammen. Dazu kommen etwa einhunderttausend Suizidversuche jedes Jahr. Den Zigtausenden, die jährlich von diesem Thema betroffen sind, wäre sicher geholfen, wenn im Sprachgebrauch der Begriff "Selbstmord" durch "Suizid" oder "Selbsttötung" ersetzt würde. Journalisten als Vorreiter in Sachen Sprachgebrauch haben hier sicher besondere Möglichkeiten, aber auch Verantwortung.

Andreas Süskow, Schnega

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