Online: 20.03.2018 - ePaper: 21.03.2018

Gewässerökologie ist komplexer

Betrifft: Artikel "Nach Wasserpest nun Hornblatt" (EJZ vom 13. März)

Den planlosen Aktionismus am Thielenburger See kann man bei etwas vorhandenem ökologischem Sachverstand nur noch fassungslos zur Kenntnis nehmen. Bis vor wenigen Jahren stellte sich dieses stadtnahe Gewässer noch als Klarwassersee mit phasenweise erstaunlich hoher Sichttiefe und einer reichhaltigen Unterwasserflora dar. Trotz des künstlichen Ursprungs war es ein naturnahes Kleinod mit Funktionen als Naherholungs- und Erlebnisraum sowie als Lebensraum für eine besondere Tier- und Pflanzenwelt.

Beispielsweise fliegen an den Ufern mehrere in Deutschland teils sehr seltene Libellenarten wie die Keilfleck-Mosaikjungfer, die Kleine Königslibelle und sogar die Zierliche Moosjungfer. Die Wasserpflanzen - neben der vielgeschmähten Wasserpest auch verschiedene Laichkräuter und Tausendblatt - formen krautige Unterwasserwälder, die Kinderstube, Nahrungsgrundlage und Unterschlupf für zahllose Tiere bilden und zudem einen wesentlichen Beitrag zur Selbstreinigungskraft des stehenden Gewässers leisten. Gleiches gilt für die Schilfröhrichtsäume am Ufer.

Und dann sind da einige Menschen, die hier ihrem Angelhobby nachgehen wollen und finden, dass zuviel Schilf am Ufer steht und überhaupt die ganze Unterwasservegetation stört, in der dauernd ihre Angelhaken hängenbleiben. Namentlich die Kanadische Wasserpest wird als Problem ausgemacht und soll weg (Ironie: Es handelt sich überwiegend gar nicht um diese Art, sondern um eine andere, die Schmalblättrige Wasserpest). Nachdem mechanische Entkrautungsversuche nicht den gewünschten Erfolg bringen, ist die nächste Idee: öffentlich geförderte Besatzmaßnahmen mit Fischen, die durch ihr gründelndes Verhalten und ihre Ausscheidungen das Wasser trüber machen sollen, außerdem das Auslegen von bewuchshemmenden Matten am Gewässergrund. Mit dem Resultat, dass darüber jetzt statt der Wasserpest vermehrt das Raue Hornblatt wächst. Die Natur ist eben effizient, und eine sich bietende ökologische Nische wird schnell gefüllt.

Das neben anderen Faktoren wohl auch infolge eines unangepassten Fischbesatzes zunehmend stickstoff- und phosphatbelastete Wasser fördert zugleich massiv die Algenbildung und lässt den See allmählich zu einer unansehnlichen Erbsensuppe verkommen. Im Vorjahr waren neben diversen großen Fadenalgenteppichen auch schon Cyanobakterien (Blaualgen) zu beobachten - Gartower, Laascher, Rudower und Arendsee lassen grüßen. Wenn man diese Entwicklung weiter zulässt, kann man die Pläne für eine verstärkte Erholungs- und Wassersportnutzung gleich in der Schublade lassen.

Der Thielenburger See, der in der Tat ein Alleinstellungsmerkmal für Dannenberg darstellt, sollte den Partikularinteressen einiger Weniger entzogen und wieder ausschließlich dem Allgemeinwohl und der Natur dienen. Die jüngere Entwicklung läuft nach meinem Eindruck genau in die falsche Richtung. Das Gewässerökosystem wird derzeit sehenden Auges vor die Wand gefahren.

Christian Fischer,Splietau

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