Online: 23.03.2018 - ePaper: 24.03.2018

Wirtschaft nimmt Tote in Kauf

Betrifft: "Urteil gegen Gröning bleibt Genugtuung (EJZ vom 14. März)

Schuld und Sühne sind schwierige Begriffe, zu denen es in der Bevölkerung sehr unterschiedliche Auffassungen gibt. Doch wenigstens in folgendem Punkt dürfte es Einigkeit geben: Unabhängig davon, wer beurteilt oder verurteilt wird, sollen bei allen Menschen dieselben Maßstäbe angelegt werden. Aber genau diesbezüglich bestehen erhebliche Differenzen, wie der Fall Gröning offen zutage treten lässt.

Gröning wird vorgeworfen, er habe durch seine Tätigkeit als Buchhalter im KZ Auschwitz mittelbar an der Tötung zahlreicher Menschen teilgenommen. Zwar habe er nicht selbst vorsätzlich getötet, doch habe er um persönlicher Vorteile willen Massentötungen billigend in Kauf genommen. Genau diesen Tatbestand finden wir auch heute in Deutschland in verschiedenen Zusammenhängen vor, wenngleich die harte Bezeichnung Massentötung tunlichst vermieden wird und Wegschauen und Schönfärberei ein Bild von legaler Normalität vorgaukeln.

Hier einige Beispiele: Aus niederen Motiven (Gewinnmaximierung) wird in Kauf genommen, dass Zehntausende von Menschen durch vermeidbare Feinstaubbelastung aus Dieselmotoren einen vorzeitigen Tod erleiden. Aus niederen Motiven (Profitsucht, Fressgier) wird Massentierhaltung betrieben, mit der Folge, dass durch multiresistente Keime und verseuchtes Wasser Zehntausende von Menschen einen vorzeitigen Tod erleiden. Aus niederen Motiven (Habgier, Bequemlichkeit, Vergnügungssucht) wird im großen Stil Energie verschwendet für Luxusgüter, Kreuzfahrten, Fernflugreisen, mit der Folge, dass durch Klimaveränderungen Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren werden.

Wohlgemerkt: Es sind nicht nur Industriebosse und Politiker, die hier als Täter agieren. Sie alle werden sich wohl nicht vor einem Gericht verantworten müssen. Aber wenigstens sich selbst sollten sie im stillen Kämmerlein die Frage beantworten: Ist meine Moral tatsächlich höher als die von Oskar Gröning?

Johann E. P. Strauß,

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