Online: 04.04.2018 - ePaper: 05.04.2018

Gestricktes Feindbild

Betrifft: Artikel "Rachsucht ist ein Genosse aus Moskau" (EJZ vom 16. März)

Obwohl der Redakteur Joachim Zießler seinen "Leitartikel" damit beginnt, dass es wohl keine juristisch relevanten Beweise für eine Täterschaft des russischen Geheimdienstes oder gar Putins geben wird, erklärt er im nächsten Satz die Herkunft des verwendeten Kampfstoffes bei dem Mordanschlag auf den Doppelagenten Skripal und seiner Tochter zu einem überwältigendem Indiz. Dass das Gift zu Sowjetzeiten in einer usbekischen Chemiewaffenfabrik produziert wurde, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von einer amerikanische Firma aufgelöst wurde, erwähnt Zießler lieber genauso wenig wie die Tatsache, dass der Russe, der Nowitschok einst entwickelte, jetzt in den USA lebt. Stattdessen lässt er sein auch aus vielen Mutmaßungen gestricktes Feindbild in dem Satz Gipfeln: "Der Tod ist ein Genosse aus Moskau".

Die 27 Millionen russischen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg Opfer der nationalsozialistischen Aggression wurden, werden wohl, wenn sie das hören und sich dann im Grabe umdrehen, denken: "Der Krieg ist ein Genosse aus Deutschland", denn von dort gingen ja beide Weltkriege aus.

Nun will der Westen mal wieder paradoxer Weise Russland, gerne in Person von Putin, als den Aggressor darstellen, dem nur mit Härte zu begegnen sei. Dabei haben allein die USA schon fast zehnmal höhere Militärausgaben als Russland, dem dazu die neuen Natomitglieder an seiner Westgrenze bedrohlich nahe sind.

Ich kann mir vorstellen, dass nach einem Dritten Weltkrieg - falls es dann noch Menschen gibt - solche Artikel wie der von Herrn Zießler als Beispiele für Feindbild schaffende, kriegsvorbereitende Propaganda analysiert werden. Wenn man heute solche Einschätzungen abgibt, wird man meist schnell als "Putinversteher" und "Verschwörungstheoretiker" in ein geistiges Sperrgebiet verbannt.

Andreas Süskow, Schnega

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