Online: 04.04.2018 - ePaper: 05.04.2018

Ehrgeiz passionierter Sprachsterilisierer(innen)

Betrifft: Leserbrief "Geschlechterkrieg?" von Peter Schröder (EJZ vom 23. März)

Ich kann Herrn Schröder nur beipflichten. Die Geschlechter-Diskussion in Deutschland nimmt durch die ausufernde Sprachkritik aberwitzige Züge an. Die Tatsache, dass der Bundesgerichtshof (BGH) diesem Trend zuletzt durch sein Urteil gegen die Frauenrechtlerin Marlies Krämer entgegengetreten ist, die geschlechterbezogene Formulierungen in die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Banken aufnehmen lassen wollte (Aktenzeichen VI ZR 143/17), beflügelt anscheinend umso mehr den Ehrgeiz passionierter Sprachsterilisierer(innen). Die Bewegung verkennt insgesamt, dass Sprache zweckmäßig und - unabhängig von geschlechterbezogenen Formulierungen - zur Verständigung geeignet sein muss. Der BGH ist zu einer ähnlichen Auffassung gelangt und hat die Position des seit Jahrhunderten etablierten "generischen Maskulinums", also der allgemein männlichen Form von Pronomen und Substantiven, gestärkt und die Klage abgewiesen, da auch der Gesetzgeber diese Ausdrucksweise verwendet und ohnehin komplizierte Texte dadurch noch komplizierter würden. Insoweit sollte klar sein, dass Sprachkritik an männlichen Begriffen per se keine tatsächlichen, sondern allenfalls subjektive und gefühlte Benachteiligungen beseitigen kann.

Falls einige Leserinnen anderer Ansicht sind und sich mit der bloßen Angleichung der Nationalhymne nicht abfinden möchten, empfehle ich als nächstes Betätigungsfeld die Namensbereinigung bei Getreide- und Kartoffelsorten. Hier stehen den fast durchweg weiblichen Kartoffelsorten, etwa "Linda" und "Sieglinde", und zum Beispiel einigen Gerstensorten wie "Sandra" oder "Franziska" noch genügend eliminierbare männliche Namen gegenüber, etwa die Hafersorten "Dominik" und "Max" und die Weizensorten"Johnny" und "Tommi". Die männlichen Leser könnten sich im Gegenzug für männliche Gegenstücke zum Mutterboden und zum Mutterkorn einsetzen oder auch gegenüber ihrem Arbeitgeber, wegen gefühlter oder tatsächlicher Diskriminierung im Sprachgebrauch, die Umbenennung sämtlicher Mutter-, Tochter- und Schwestergesellschaften verlangen.

Ingo Rüdiger, Dannenberg

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