Online: 06.04.2018 - ePaper: 07.04.2018

Scouts auf dem richtigen Pfad?

Betrifft: Sonderveröffentlichung "Steckrübe" vom 23. März

Abgebildet auf der Vorderseite der vom Bauernverband herausgegebenen Sonderveröffentlichung "Steckrübe" sind zwei junge Menschen, die Zukunft vor sich haben: hoffnungsvoll, mit offenen, lebendigen Gesichtern, zugewandt, positiv. Sie sind Agrarscouts, junge Botschafter einer Landwirtschaft, wie der Bauernverband sie vorantreibt, deren Schulung, so meinen Kritiker, im Zusammenhang steht mit den Interessen von Konzernen der Agrarindustrie (vergleiche EJZ vom 6. Februar: "Umstrittene Lobbyarbeit"). Sie werben für eine Landwirtschaft, die, gucken wir genau hin, Menschen, Natur und das Klima bedroht. Ihr Gesprächsangebot nehme ich gern an.

Es ist neben dem Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin vor allem die vom Bauernverband gestützte industrielle Landwirtschaft mit ihrer Massentierhaltung, deren brutale Haltungsbedingungen der Tiere den Einsatz von Antibiotika erforderlich machen, was zur Entwicklung multiresistenter Keime führt. Mit der Folge, dass Menschen, deren Heilung von dem Einsatz von Antibiotika abhängt, nicht mehr gerettet werden können, wenn sie von multiresistenten Keimen befallen sind. Jährlich sterben nach Aussage des Robert-Koch-Instituts in Deutschland Tausende Menschen, weil selbst Reserveantibiotika nicht mehr helfen.

Es ist die Massentierhaltung mit Tausenden Schweinen, Hähnchen oder Puten, die das Klima belastet, für deren Mästung Soja aus Übersee zu uns transportiert, Regenwald abgeholzt wird, Kleinbauern vertrieben werden. Subventionierte Exporte etwa von Hähnchenfleisch nach Afrika zerschlagen dort kleinbäuerliche Strukturen.

Es sind die Gülle und der Mist, die unser Grundwasser und damit unsere Gesundheit mit Nitrat belasten, sodass selbst die Landwirtschaftsministerin der CDU sagt: "Irgendwann wird man mal sagen müssen: keine Fläche, keine Tiere oder weniger Tiere" (EJZ vom 29. März).

Es ist die industrielle Landwirtschaft mit ihrem Einsatz von Pestiziden (etwa Glyphosat, Neonikotinoide), der in hohem Maße mitverantwortlich ist für den dramatischen Rückgang der Artenvielfalt (beispielsweise Insektensterben), mitverantwortlich ist für die ökologische Katastrophe, auf die wir zusteuern. Und es ist einfach nur zynisch, wenn in der Sonderveröffentlichung bezogen auf den Bauernverband dann noch steht: "Vorreiter in punkto Tierwohl und Naturschutz". Es erstaunt mich, dass Menschen aus dem Bauernverband, die ich schätze, so etwas zulassen.

Zu fragen ist: Wann endlich kommt der Bauernverband wirklich seiner Verantwortung für Tierwohl und Naturschutz nach? Aber was mich vor allem betroffen macht, ist die Tatsache, dass junge Menschen, die ihre Zukunft noch vor sich haben, für eine Landwirtschaft werben, die ihre eigene Zukunft belastet.

Hermann Klepper, Banzau

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