Online: 06.04.2018 - ePaper: 07.04.2018

Besser nach Gemeinsamkeiten suchen

Betrifft: EJZ-Artikel "Das schwierige Gespräch (EJZ vom 31. März)

Eigentlich ist es eine sehr gute Idee, einmal zu schauen, wie sich Christen und Muslime auf ihren Gott beziehen, der für beide der Gott Abrahams (und auch Adams und Evas) ist. Doch nach dem Lesen bleibt ein mehr als fahler Beigeschmack. Denn es ist schon erstaunlich, wieso man nur christliche Theologen sprechen lässt, anstatt auch zum Beispiel Herrn Mouhandes zu Wort kommen zu lassen, der als Imam der islamischen Gemeinde hier sicher Erhellenderes zu dem Thema hätte beitragen können, als manche erstaunliche Plattheiten, die seine christlichen Kollegen von sich gegeben haben: Da wird eine der fünf Säulen, die Gabe von Almosen ("Zakat"), als "Ablassbrief" diskreditiert; Muslimen wird unterstellt, sie müssten ja nur freundlich zu anderen sein, wenn sie in der Minderheit wären; Gott im Islam ist ein Krieger, und natürlich ist das Christentum auch progressiver, wenn man sich die Rolle der Frau anschaut. Ich will gar nicht groß darauf eingehen, dass die Kirchen kein Problem damit haben, ihren biblischen "Zehnten" in Form der Kirchensteuer bequem vom Staat einziehen zu lassen oder dass der Koran schon in der zweiten Sure klarstellt, dass es keinen Zwang in der Religion gibt oder dass der Gott im alten Testament nicht nur als Peacenik bekannt geworden ist. Zur Rolle der Frau hat auch Paulus noch im Neuen Testament Regeln verfasst, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Solche Vergleiche bringen von daher wenig für beide Seiten. Den Bock abgeschossen hat aber Jens Rohlfing mit seiner steilen These, dass sich "die liberale Welt aus dem Christentum entwickelt" hat. Genau das Gegenteil ist der Fall: Die Aufklärung, die man mit Kant und Co. verbindet, ist explizit als Kon-trapunkt zur damaligen Ausformung des Christentums entstanden. Die historisch-kritische Herangehensweise ist also nichts, was der christlichen religiösen Praxis schon immer eigen war, sondern nach einem langen Prozess (ein) Teil von ihr geworden ist - und die man in weniger autoritären muslimischen Ländern, wie zum Beispiel Indonesien (dem mit Abstand größten muslimischen Land der Welt) übrigens auch findet. Als jemand, der als bekennender Christ längere Zeit in muslimischen Ländern gelebt hat, habe ich gelernt, dass es ähnlich viele Ausformungen innerhalb des Islam gibt wie im Christentum, wo ein Reformierter auch Wert darauf legt, nicht mit einem Lutheraner in einen Pott geworfen zu werden - vor allem aber, dass ernsthafter interreligiöser Dialog nichts mit gegenseitiger Mission zu tun hat, sondern dem gemeinsamen Suchen nach Antworten auf drängende gemeinsame Fragen. Diese müssen nicht immer einhellig ausfallen, aber die Sichtweise des Anderen kann neue Gedanken bringen, die einen auf der individuellen Suche nach Gott einen Schritt weiterbringen können. Die christlichen Kirchen, die es - sehr zum Leidwesen der großen Mehrheit ihrer Mitglieder - 500 Jahre nach Luther noch nicht einmal zu einer Abendmahlsgemeinschaft gebracht haben, täten gut daran, sich diese Suche nach Gemeinsamkeiten stärker zu eigen zu machen.

Dr. Frederik Holst, Kolborn

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