Online: 13.04.2018 - ePaper: 14.04.2018

Von wüst bis Wüste

Betrifft: Artikel "Begeistert vom Leben" (EJZ vom 24. März)

Wer eine Reise tut, kann was erzählen. Das Erzählen folgt zumeist bis immer dem bedingten Urlaubsrausch. Und Rausch benebelt. Thomas Janssens Artikel über Jugendliche, die im Austausch als Musikschulschülerinnen in Israel waren, ist diesem Rausch ebenso erlegen wie die Schüler selbst. Nun mache ich denen betont explizit keinen Vorwurf für ihre unbedarfte Begeisterung des Erlebten. Doch trügt der Eindruck, dass Janssen diese benutzt, um seine private Haltung zu Israel zu propagieren?

Der Artikel enthält etliche Ungereimtheiten und falsche Behauptungen. Die ehrliche Presse, EJZ, trägt's mit. Entweder weiß er's auch nicht, dann fehlt Janssen Wissen über Israels Geologie, oder er weiß es, ließ aber die "berauschte Jugend" für seine Zwecke sich voll ins Abseits reden.

Wer Trugbilder vorgaukelt, wie, dass "Israel unfassbar grün, grüner als Deutschland" sei, der wandelte bisher blind durchs eigene (Wend)Land. Israel ist zu über 50 Prozent Wüste. Der Waldbestand beträgt drei bis sechs Prozent.

Stimmt, Deutschland hat zwar graue Betonwüsten und wüste EJZ-Artikel, aber null Meter Wüste pur. Der Waldanteil liegt hier um circa 33 Prozent - ohne weitere Grünflächen. Allein diese Tatsache macht den Artikel unglaublich glaubhaft.

Dass Janssen in Trump-Manier ganz Jerusalem Israel zuschreibt, torpediert die internationale Perspektive und deren Konsens. Doch was kümmert solcherlei einen Torpedo-Tom aus der Wüste Wendland? Auf Fragen nach Konflikten (gemeint ist wohl der israelisch-palästinensische) wird schülerseits mit "relativ entspannt" geantwortet. Bingo, "relativ" ist relativ. Das erinnert an den wohl kopfballgeschädigten Berti Vogts, der zur WM 1978 in Argentinien bezüglich der Diktatur sagte: "Ich habe nicht einen einzigen politischen Gefangenen gesehen." Diese saßen dort auch nicht als Ehrengäste auf der Tribüne. In Israel auch nicht.

Und Urlaub in Israel? Logo, warum nicht. Dazu muss aber die nur wenige Kilometer weiter stehende meterhohe Mauer aus der menschlichen Wahrnehmung verdrängt werden. Und vor allem, was sich dahinter Israels Politik und Militärs an Besatzung, Demütigung, Landraub und Töten erlauben. Bloß kein Blick rüber, nach Hebron, dann klappt auch der Urlaub.

Auch Israelis mit "Tötet Araber" auf T-Shirts betrifft ja keine wüsten Touristen. Janssen hatte doch auch mal relativ dicht an einer Mauer gelebt, diese aber sicher als unmenschlich empfunden. Oder? Stellte er daher lieber keine Frage zur israelischen Mauer? So weit, so schizo.

Und, wie hat man sich das vorzustellen, als man las, das "oft gehört" wurde, es sei "nicht immer leicht, in Israel zu leben, aber auch unmöglich, dort wieder wegzugehen"? Rufen sich das die Leute dort oft laut hörbar auf Deutsch zu? Denn die Landessprache sei ja schwer zu verstehen, wurde gesagt. Wie einiges Wüstes mehr. Oder Mär?

Bodo Arndt, Gühlitz

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