Online: 18.05.2018 - ePaper: 19.05.2018

Die Wurzel der Trunksucht

Betrifft: Artikel "Ein ernüchterndes Gesetz" (EJZ vom 5. Mai)

Führt jetzt nach Schottland auch Deutschland einen Mindestpreis für Alkohol ein? Zwei Fliegen mit einer Klappe? Auf der einen Seite steigende Steuereinnahmen, die wir so dringend für unsere marode Bundeswehr benötigen, und auf der anderen weniger Tote durch Trunksucht. Wie sinnig! Aber wie immer gibt es einen kleinen Haken. Kaum eine Regierung auf der Welt will tatsächlich ein nüchternes Volk.

Schon den Indianern gab man reichlich Alkohol zu trinken, anfangs sogar kostenlos, damit sie nicht mehr in der Lage waren, das Kriegsbeil auszugraben und sich auf den Kriegspfad zu begeben. Nur ein besoffener Indianer war ein guter Indianer. Ganze Volksstämme entzweiten sich, gingen am Alkohol zugrunde. Die Siedler hatten leichtes Spiel.

Wer alkoholabhängig ist, wird sich durch einen höheren Verkaufspreis nicht beeindrucken lassen. Notfalls wird eben schwarzgebrannt. Wer gelegentlich mal ein paar Bierchen trinkt, dürfte den höheren Preis schlichtweg in Kauf nehmen. Würden unsere Politiker tatsächlich etwas dauerhaft verändern wollen, sollten sie nicht an Preiserhöhungen für Alkohol denken, sondern an das soziale Ungleichgewicht in unserem Land, denn hier liegt nicht selten die Wurzel der Trunksucht. Wie wäre es anfangs mit unbefristeten Arbeitsplätzen, bezahlbaren Wohnungen, Planungssicherheit, eben einem weiten Blick in eine sichere Zukunft? Einen ähnlichen Traum werden wohl die Indianer damals auch gehabt haben - bis der Alkohol kam.

Michael Turban,

Klein Breese

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