Online: 01.06.2018 - ePaper: 02.06.2018

Offene, fröhliche, musikalische Aktion

Betrifft: Artikel "Unfassbare Grenzüberschreitung" (EJZ vom 22. Mai)

Der EJZ-Redakteur Rouven Groß wirkt schockiert über die "bundesweite Bestürzung", die die Geschehnisse in Hitzacker ausgelöst hätten. Doch am Anfang der Kette der Bestürzung steht seine Berichterstattung selbst, und nicht das Straßenkonzert in Hitzacker. Dabei hätte er es besser wissen können, dass der "Hass" an diesem Tage keineswegs "brodelte", außer seitens der Polizei. Dennoch wurde die Aktion mit Umschreibungen wie "vermummter Angriff" und "aggressivem Aufmarsch" völlig verklärt. Nicht nachvollziehbar ist, dass die Adresse des Beamten im Internet veröffentlicht worden sein soll, trotzdem wird dies vom CDU-Politiker Seefried behauptet und schlägt Wellen. Wie auch der unhinterfragt übernommene Polizeibericht. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Miriam Staudte hat Recht, wenn sie nun befürchtet, dass "das Geschehene instrumentalisiert werde, um eine stärkere Überwachung der linken Szene zu fordern". Und auch Herrn Dehde stimme ich zu, dass durch die Ereignisse "denjenigen Argumentationshilfe geliefert [wird], die […] von rechts attackieren." Doch die musikalische Aktion vor dem Haus dieses - wie ich meine - fragwürdigen "politischen Polizisten" selbst ist sicherlich nicht der gerechtfertigter Grund für derartige Empörungen. Ich würde es gar - auch aus einer deutschen Geschichte heraus - als legitim und notwendig erachten, Gewohntes zu hinterfragen und sich aktiv zu verhalten. Eine Diskussion genau darüber fände ich wünschenswert. Leider jedoch sind die Berichterstattung und die Falschbehauptungen von Politikern selbst schon Teil einer Instrumentalisierung, die solche Diskussion von vornherein blockiert, ist Teil der Argumentationshilfe für Rechte. Polizei-Gewerkschafter Wendt und Niedersachsens Innenminister Pistorius schwadronieren aus weiter Entfernung von einer "neuen Dimension der Gewalt" und einer "unfassbaren Grenzüberschreitung". Diese Behauptungen werden zu Schlagzeilen. Und diese Schlagzeilen machen Stimmung und bestimmen den öffentlichen Diskurs von Beginn an. So wird "Politik" gemacht. Und am Ende entstehen daraus immer repressivere Gesetzesverschärfungen. Redakteur Groß nimmt darin eine bestimmte Rolle ein. Doch äußert er sich ja auch sehr im Kommentar optimistisch bezüglich der "freiheitlich demokratischen Grundordnung" und deren "Zusammenhalt". Doch wer wird hier eigentlich zusammengehalten, und für wen ist dies "lebenswert"? Wem oder was gegenüber herrscht hier jedoch Ausschluss, Verachtung und Brutalität? Ich nehme ernst, dass die Familie des Staatsschutzbeamten Angst bekommt, ob des heraufbeschworenen Feindbildes sogenannter "Linksextremisten". Doch "Aufmärsche" und Angriffe auf Familien, das ist Stil von Rechten. Und was ich in Hitzacker als außergewöhnlich brutal erlebt habe, das war die Polizei. Dies steht im krassen Gegensatz zu der bewusst offenen und fröhlichen, musikalischen Aktion von Menschen, deren Positionen nicht wahr und ernst genommen werden. Leider sind die Bilder in den Köpfen vieler Menschen bereits jetzt dominiert von dem, was als erster Schnellschuss verbreitet worden ist. Mathias Scherfke, Bülitz

^ Seitenanfang