Online: 10.08.2018 - ePaper: 11.08.2018

Rote Karte für das "Naturell der Menschen"

Betrifft: Kommentar "Verbittert" von Jens Feuerriegel (EJZ vom 4. August)

Da hat Herr Feuerriegel sich doch mal wieder einen Rundumschlag gegen Alternative, Linke und sonstige Systemkritiker erlaubt; doch wie es Rundumschläge so an sich haben: Sie treffen selten und schaden oft mehr, als sie nützen. Einerseits gibt es durchaus "funktionierende" Staaten mit sozialistischer Ausrichtung - zum Beispiel Uruguay und Costa Rica; andererseits sind diverse sozialistisch "angehauchte" Regierungen durch Intervention kapitalistisch orientierter Demokratien beendet worden (zum Beispiel Salvador Allende (Chile), Mohammad Mossadegh (Iran) und viele andere). Für die ruinösen Auswirkungen von zu großer Kapitalmacht spielt das politische System aber inzwischen nur eine untergeordnete Rolle. Die von der Bundeskanzlerin Merkel geforderte "marktkonforme Demokratie" ist ein Ausdruck dieses Sachverhaltes, und der von ihr geschätzte Berater Ackermann (Sie erinnern sich an die 25 Prozent Kapitalrendite?) hat zu dieser Forderung sicherlich einiges beigetragen.

Das Hauptproblem mit der Macht des Kapitals resultiert aus der unersättlichen Gier nach Rendite. Es geht in diesem System nicht mehr um "genug, zufrieden, volkswirtschaftlich sinnvoll", sondern stets um "mehr, immer mehr"; also um ungezügeltes und unbegrenztes Wachstum. Genau dagegen richtet sich Kritik, wie sie Acosta und Paech vorbringen.

Es geht überhaupt nicht um den Anspruch der "Linken und Alternativen" auf die absolute Wahrheit, sondern darum, dass die Verfechter der Wachstumsideologie die Auswirkungen ihres Handelns (Klimawandel etc.) ignorieren beziehungsweise leugnen. Bereits 1980 wurde die Studie "Global 2000 - Grenzen des Wachstums" des Club of Rome veröffentlicht. Zu der Zeit entsprach der Umfang der Finanzmärkte noch dem der Realwirtschaft, und noch 1990 fiel der Welterschöpfungstag auf den 7. Dezember. Heute haben die Finanzmärkte den dreifachen Umfang mit entsprechend größerer Macht, und der Welterschöpfungstag fiel im vergangenen Jahr auf den 3. August; das heißt, nur drei Jahrzehnte Profitmaximierung haben diesen Tag um vier (!) Monate vorverlegt.

Herr Feuerriegel, wollen Sie ernsthaft diese Art "Ausrichtung auf Wettbewerb und Wohlstand" noch so lange propagieren, bis der Welterschöpfungstag auf den 1. Januar fällt? Wenn ein Fußballspieler nach einer gelben Karte sein Verhalten nicht ändert, folgt die rote und er ist aus dem Spiel. Was glauben Sie, wie lange das System Erde noch zögert, dieses "Naturell der Menschen" mit der roten Karte zu ahnden? Detlef Kober, Riebrau

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