Online: 10.08.2018 - ePaper: 11.08.2018

Weg vom Wachstumsdogma

Betrifft: Kommentar "Verbittert" von Jens Feuerriegel (EJZ vom 4. August)

Ja, den totalitären Regimen des Kommunismus und Sozialismus müssen wir wahrlich nicht nachtrauern. Und dass der neoliberale Kapitalismus technologisch und wirtschaftlich einen Siegeszug ohnegleichen angetreten hat, ist nicht zu bestreiten. Hunger und Armut sind auf dem Rückzug und die Lebenszufriedenheit ist global gestiegen. So weit, so gut. Das Dumme ist nur: Dieser Siegesrausch verstellt den Protagonisten des Neoliberalismis den Blick auf den entscheidenden Punkt: Ohne Wachstum würde ihr System kollabieren. Bei grenzenlosem Wachstum hingegen wird unsere Erde kollabieren. Damit haben wir die Paradoxie, dass das erfolgreichste Wirtschaftssystem, das die Menschheit je hervorgebracht hat, auch das tödlichste ist.

Klimawandel, dramatische Verluste fruchtbarer Böden und Ökosysteme, schwindende Trinkwasser-Ressourcen, atomare Katastrophen, beschleunigtes Artensterben, lebensfeindliche Belastung unserer Umwelt durch Abgase, Überdüngung und industrielle Abfallprodukte, die Plastikvermüllung unseres Planeten - Beispiele einer apokalyptischen Entwicklung, die längst unseren ganzen Planeten erfasst hat und sich von Jahr zu Jahr beschleunigt.

Und je mehr die natürlichen Ressourcen schwinden, desto verbissener und zerstörerischer werden die (noch) bestehenden ausgebeutet. Gas durch Fracking, Öl aus Sand, Schiefer und Tiefsee, Coltan aus Kinderarbeit und Bürgerkrieg - steigende Rohstoffpreise machen's möglich. Wenn Spekulanten über eine weiträumige Hungersnot in Afrika jubeln und Börsianer über den Abbau zehntausender Arbeitsplätze, offenbart sich die Perversion dieses Systems stets besonders deutlich. Da hat es fast schon etwas Rührendes, wenn Herrn Feuerriegel nichts Besseres einfällt, als sich wieder mal an den Linken und Alternativen abzuarbeiten. Dabei brauchen wir Alternativen mehr denn je. Nicht die für Deutschland, sondern global. Denn grenzenloses Wachstum in einer begrenzten Welt - wie soll das gehen? Mittels Geo-, Climate- oder gar Astro-Engineering? Das würde den technologischen Overkill nur beschleunigen. Was wir brauchen, ist ein längst überfälliger Abschied vom Wachstumsdogma, eine ressourcensparende Wirtschaftsweise und eine Geisteshaltung, die die Schöpfung achtet und die Natur respektiert - Apologeten der Postwachstumsgesellschaft wie Niko Paech oder Alberto Acosta sind dabei wichtige Impulsgeber - hin zu einer erstarkenden Zivilgesellschaft, die einen friedlichen (!) Umbau von unten anschiebt.

Jens Langhein,

Hitzacker

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