Online: 17.08.2018 - ePaper: 18.08.2018

Bitter ist nur die Wahrheit

Betrifft: Kommentar "Verbittert" von Jens Feuerriegel (EJZ vom 4. August)

1. Mai: dieses Jahr nicht nur der Kampftag der Werktätigen, sondern sehr passend auch der Tag, an dem die Deutschen in 2018 beginnen, ökologisch auf Pump zu leben. 3,2 Erden bräuchten wir Deutschen pro Jahr, die Welt "nur" 1,8 - weil arme Länder eben weniger verbrauchen.

Schadenfroh, süffisant grinst EJZ-Chef-Kommentator Feuerriegel: "All die Linken, Alternativen ... müssen jetzt tapfer sein", weil er endlich einen Professor gefunden hat, der sein Weltbild, seine Werte bestätigt. Die Lebenszufriedenheit von Armen und Reichen gleiche sich an, der Kapitalismus fördere den Massenwohlstand, Zusammenhänge zwischen Ungleichheit und psychosozialen Übeln gäbe es nicht. Und das Naturell des Menschen (?) sei nun mal auf Wettbewerb und Wohlstand ausgerichtet. Na ja, Zusammenhänge sind Feuerriegels Stärke nie gewesen, seine Welt durchaus öfter mal eine Scheibe.

Ob nun sein gepriesener Kapitalismus die Erde nachhaltig und irreversibel ruiniert, schietegal. Wo nun für einen Hartz IV-Empfänger der Massenwohlstand ist, wie der sein "Naturell" (Wettbewerb und Wohlstand) befriedigt, bleibt Feuerriegels Geheimnis. Dass der (extrem ungleich verteilte) relative Wohlstand der westlichen Welt auf Kriegen gebaut ist, auf Kolonialismus und Imperialismus, Verschwendung und (Um-)Weltzerstörung, interessiert Feuerriegel nicht. Dass das ungezügelte Wachstum, das die ureigenste Seele des Kapitalismus ist, das gnadenlose Ausbeuten von Mensch und Natur in den Abgrund führt, ist offenbar Feuerriegel egal, solange er noch im Cabrio mit hoher Geschwindigkeit in den Sonnenuntergang gleiten kann. Die völlig enthemmte kapitalistische Produktionsweise ist die Ursache für die drohende Heißzeit (EJZ vom 7. August), die irreversiblen Umkipppunkte sind fast erreicht. Dass der Kapitalismus allein in Deutschland zu zwei bis sechs Billionen Euro (je nachdem, was man aus vertuschendem Kalkül nicht mit einrechnet) Staats-Schulden geführt hat, die öffentliche Hand immer wieder die Schäden ausbügeln muss, die Wohlstandsschere immer weiter aufreißt, Altersarmut eine Massenbetroffenheit wird, all das passt nicht zwischen Feuerriegels Scheuklappen.

"Wär' ich nicht arm, wärst du nicht reich", aus Brechts Gedicht "Alfabet" ist einfach, aber zutreffend. Aber anstatt zum Beispiel die nicht nur in der Kolonialzeit, sondern bis heute auch von Deutschland angerichteten verheerenden Schäden zu benennen, zu entschädigen und zu beheben, kaufen wir auch diesen Ländern noch ihre gut ausgebildeten Menschen weg.

Wie bloß kann sich die EJZ einen (jetzt alleinigen) Chefredakteur leisten, der so einen einseitigen, verquasten Mumpitz in die Welt bläst? Wo ist das Regulativ in dieser Zeitung? Sich dann auf ein paar richtige Ansätze der überregionalen Kommentatoren zu berufen, um regional die reine Lehre des Raubtier-Kapitalismus zu predigen, reicht nicht.

Kurt Herzog, Dannenberg

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