Online: 17.08.2018 - ePaper: 18.08.2018

Wachstumszwang zerstört Leben

Betrifft: Artikel "Voll im Stress" (EJZ vom 1. August) und Kommentar "Verbittert" von Jens Feuerriegel (EJZ vom 4. August)

Der Autor von "Voll im Stress" versucht, dem Leser weiszumachen, dass die massive Zunahme psychischer Erkrankungen nicht durch unsere Lebensweise und Arbeitsüberlastung verursacht wird. Den Beweis aber bleibt er schuldig, es handelt sich lediglich um Spekulationen. Danach kommt er zur Erkenntnis, dass Armut krank macht, nicht Ungleichheit. Um seine Behauptung zu unterstützen, dass Umverteilung nicht notwendig ist, verzichtet er auf die Frage, woher Armut kommt, sonst käme dabei ja auch eben Ungleichheit heraus. Abenteuerlich wird dann die Behauptung, die Forschung hätte ergeben, dass die Lebenszufriedenheit zunimmt. Jeder kennt die automatische Antwort seiner Mitbürger auf die Frage: "Wie geht's?" - "Danke gut." Umfrageergebnisse stehen da wohl auf tönernen Füßen. Allein die Art von Fragestellungen eröffnet weiten Spielraum für Manipulation und Erhalt der gewünschten Ergebnisse.

Diesen Artikel nimmt der Chefredakteur der EJZ zum Anlass, um Konstruktionen über die Veranstaltung zum "Buen Vivir" - einer Alternative zum Leben ohne Wachstumszwang des Kapitalismus - herzustellen. Schon die Überschrift "Verbittert" seines Kommentars passt nicht: Im Verdo wurde neben Vorträgen und Gesprächen Musik gehört und getanzt. Es folgt sein Griff in die Mottenkiste mit der Behauptung, dass Alternativen - angeblich logisch - etwas mit Menschen zwingen, Menschen umerziehen und Diktaturen, die er nennt, zu tun haben müssen. Was nicht nur auf seinen, auf die Vergangenheit beschränkten Horizont zurückzuführen ist, sondern den Anschein erweckt, gezielt Menschen in Verruf bringen zu wollen, die Alternativen suchen.

Er weiß, dass "grundsätzlich das Naturell des Menschen auf Wettbewerb und Wohlstand ausgerichtet ist". Welch Wunder, dass er erwachsen werden konnte, denn Mutter oder irgendein Mensch hat ja wohl mit ihm als Kind ohne Wettbewerb mit ihm kooperiert. Wohlstand? Ja, der Kapitalismus hatte in der Vergangenheit für Europäer Wohlstand gebracht, auf Kosten der Menschen in Afrika, Asien, Lateinamerika.

Aber grenzenloses Wachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich und dauerhaft glücklich macht es schon gar nicht. Die Wohlstandskrankheiten und die gar nicht so glücklichen Kinder in mit Spielzeugen überladenen Zimmern sprechen zum Beispiel eine deutliche Sprache. Der Mensch lebt auch nicht vom Brot allein. Das ist alles beobachtbarer Alltag und bedarf keines Professors, der uns vom Gegenteil überzeugen will. Den Menschen das Vertrauen in eigene Wahrnehmung und eigenes Denken zu untergraben hat allerdings Methode, denn denkmüde und verunsicherte Bürger lassen sich leichter regieren.

Das Kennzeichen des Kapitalismus ist Zerstörung. Zerstörung von Kulturen und Staaten, Zerstörung des Lebens von Menschen, die dort lebten und leben und beginnen, hierher zu flüchten, Zerstörung durch immer neue Kriege, Zerstörung der Natur, Zerstörung des Klimas, Zerstörung der Zukunft unserer Kinder und so weiter.

Selbst der Papst sagt: "Diese Wirtschaft tötet." Es ist höchste Zeit, einen Weg da raus zu finden.

Reinhard Rengel, Karwitz

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