Online: 24.08.2018 - ePaper: 25.08.2018

Armes Deutschland

Betrifft: Skandale und ihre Wertigkeit

Deutschland am 9. August: zwei Meldungen. Erste Meldung : Der Oberbürgermeister der Stadt Duisburg (SPD) tritt an die Öffentlichkeit und macht Alarm. Immer mehr deutsches Kindergeld werde ins Ausland nach Südosteuropa verschoben. In seiner Stadt würden Bulgaren, Rumänen sowie Sinti und Roma sich Kindergeld erschleichen und damit ihre Familien in den Heimatländern ernähren. Die Öffentlichkeit schäumt - Skandal, Sozialtourismus!

Bei Lichte betrachtet stellt sich heraus, dass über 50 Prozent der ausländischen Kindergeldbezieher ordnungsgemäß Sozialabgaben und Steuern zahlen und beispielsweise unsere Alten pflegen und Fleischberge zerteilen. Ein weiterer Teil des Kindergeldes geht an Menschen, die versuchen, Arbeit zu bekommen, Minijobs haben. Und ein verschwindend kleiner Teil - circa ein bis zwei Prozent - wird erschlichen für Kinder, die gar nicht existieren. Auch ein Behördenversagen; gemessen am Geschrei ein verschwindend kleines Problem.

Zweite Meldung: Der Konzern Toll-Collect, der in Deutschland die Lkw-Maut eintreibt, betrügt den deutschen Staat seit Jahren in einer Größenordnung von circa 300 Millionen Euro. Es werden Oldtimer-Rallyes und feucht-fröhliche Partys in Luxushotels dem Steuerzahler in Rechnung gestellt. Die deutsche Regierung sieht dabei zu. Der konzerninterne Whistleblower, der das Ganze publiziert, wird kaltgestellt. Die Staatsanwaltschaft, die wegen des Betruges ermittelt, wird vom Bundesverkehrsminister zurückgepfiffen. Gewaltenteilung? Papperlapapp!

Deutschland im August 2018 - zwei Meldungen. Die eine, die von Wohlstands-Transfer in den armen Winkeln Südosteuropas berichtet, man könnte das Ganze auch europäische Solidarität nennen, löst großen öffentlichen Lärm aus - von AfD über CDU, FDP bis in die SPD hinein.

Die andere, die von gut bezahlten Managern berichtet, die sich zusätzlich noch betrügerisch die Taschen mit Hilfe der Politik mit deutschem Steuergeld füllen, erzeugt Achselzucken. "Die sind halt so, da kann man doch nichts machen". Ich kann da nur sagen: Armes Deutschland!

Wolfgang Eisenberg, Bösen

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