Online: 24.08.2018 - ePaper: 25.08.2018

Alles Kokolores

Betrifft: Beitrag "Voll im Stress" (EJZ vom 1. August)

Hier schreibt eine Quotenfrau. Da kommen mal wieder fleißige Hochburgschreiber zu Wort und kein wendländischer EJZ-Leser applaudiert. Als Gastbeitrag hat der Psychotherapeut Martin Dornes ein Buch, das im April 2016 herauskam, in der EJZ vorgestellt. Sollte vielleicht ein Aprilscherz werden? Der Autor hat sich hier selber eine Plattform gegeben. Mit der unintelligenten Frage: "Macht der Kapitalismus depressiv?" Sein Fazit ist: "Die Menschen leben heute länger, zufriedener und gesünder."

Der Gesundheitsreport 2017 der DAK, die 2,6 Millionen Mitglieder zählt, zeigt ein anderes Bild von psychischen Belastungen. Vielleicht liegt es daran, dass Dornes für sein Buch andere Auftraggeber hatte. Im Gesundheitsreport 2017 heißt es: "Der Anstieg der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen ist eine der auffälligsten Entwicklungen in Bezug auf die Krankenstandkennziffern in den letzten Jahren. Psychische Erkrankungen lagen mit einem Anteil von rund 17,1 Prozent hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Krankenstand erstmals an zweiter Stelle."

Weiterhin ist dort zu lesen: "Viele Dienstleistungsunternehmen einschließlich der öffentlichen Verwaltungen stehen verstärkt unter Wettbewerbsdruck bei fortschreitender Verknappung der Ressourcen. In der Folge kommt es zu Arbeitsverdichtungen und Rationalisierungen und auch zu Personalabbau. Daraus können krankmachende Arbeitsbelastungen (zum Beispiel Stress) entstehen, die zu einem Anstieg des Krankenstandes führen." Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherungen sind psychische Erkrankungen der häufigste Grund für Erwerbsminderungsrenten: Seit 1993 ist die Zahl entsprechend der Rentenzugänge um 80 Prozent gestiegen. Risikofaktoren für psychische Erkrankungen sind der Faktor Arbeit sowie ständige Verfügbarkeit für die Arbeit in der Freizeit.

Der Soziologe Martin Dornes versucht in seinem Buch nachzuweisen, dass es keine Belege dafür gebe, dass eine wachsende Anzahl von Menschen von den Anforderungen der Arbeitswelt überfordert sind. Er wiegelt ab und meint, es liege an der gestiegenen Zahl von Fachärzten. Je mehr Fachärzte, desto mehr Diagnosen, desto mehr Kranke. Aha, daher weht der Wind: Wer krank wird, ist ein Weichei oder ein Schmarotzer (hatten wir dies nicht schon einmal?). Dies ist für alle Arbeitenden, die aufgrund desolater Arbeitsbedingungen krank werden, eine schallende Ohrfeige. Schlimmer kommt es dann noch, wenn sich Journalisten darüber lustig machen, dass Menschen psychische Erkrankungen aufgrund von stressbeladenen Arbeitsbedingungen bekommen könnten. Diese Sichtweise grenzt meines Erachtens an medialen Zynismus. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass ein Riegel vor Beiträge geschoben wird, bei denen ich schon in der Überschrift erkennen muss: Alles Kokolores.

Adelheid Danielowski, Gedelitz

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