Online: 31.08.2018 - ePaper: 01.09.2018

Kein Nachdenken über Folgen der Finanzkrise

Betrifft: Kommentar "Verbittert" (EJZ vom 4. August)

Es ist so eine Sache mit dem Journalisten: Will er informieren, geht er von nachprüfbaren Prämissen aus, wird diese aber stets unter dem Aspekt des "Pro und Contra" diskutieren, um zu differenzierten Schlussfolgerungen zu gelangen. Soll jedoch Meinung gemacht werden, ist solches Vorgehen eher hinderlich. Und er wird frei von der Leber weg fabulieren, zum Beispiel: "Denn grundsätzlich ist das Naturell der Menschen auf Wettbewerb und Wohlstand ausgerichtet." Und zur Meinung passende, nicht hinterfragte wissenschaftliche Elaborate anführen, was zu einer einseitigen Sicht der Dinge führt.

So geschehen in der oben genannten Kolumne. Kritiklos wird das hohe Lied des Kapitalismus gesungen. Kein Hinweis zum Beispiel auf die letzte globale Wirtschaftskrise: Völlig enthemmte deregulierte Finanzmärkte, renditebesessene Banker, die Erfindung immer neuer unseriöser Finanzprodukte. Die Welt war dem wirtschaftlichen Abgrund nahe. Kein Erwähnung, dass die Krise nur durch die als Bankenrettung bezeichnete Sozialisierung der Verluste (Steuergeld zur Sicherung) abgefedert werden konnte. Die damals kritisierten Finanzderivate zirkulieren inzwischen wieder global und zahlreicher denn je. So ist die nächste finanzkapitalistische Krise vorgezeichnet, die Optionen zu Regulierungsversuchen jedoch deutlich eingeschränkt (zum Beispiel kein Zinssenkungsspielraum mehr). Kein Nachdenken darüber, was dies in den Menschen eigentlich anrichtet.

Nun wird stattdessen das Buch des Soziologen und Psychologen Prof. M. Dornes bemüht ("Macht der Kapitalismus depressiv?"), das angeblich "linke Lebenslügen zertrümmert". Eine fundierte kritische Replik auf Dornes Forschungsergebnisse, die Herr Feuerriegel genüsslich und offenbar ohne weitere Recherche zitiert, gibt der Assistenzprofessor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, Stephan Schleim, in seiner Analyse "Kapitalismus und psychische Gesundheit". Sein Fazit lautet: "Die psychologische Unbedenklichkeitserklärung des Kapitalismus von Dornes und Altmeyer greift zu kurz. Im Gegenteil sind soziale, einschließlich wirtschaftliche Faktoren für die psychische Gesundheit gut belegt. Das Gesundheitssystem ist heute selbst als Markt organisiert, und seine Akteure haben ein großes Interesse an der Ausdehnung ihrer Dienstleistungen; dazu passen steigende Diagnose-, Behandlungs- und Verschreibungszahlen."

Ich schlage vor, Herr Feuerriegel sollte sich zum Beispiel mit den Auswirkungen des Armutsrisikos beschäftigen, das 46 bis 68 Prozent - je nachdem, welche Studie man heranzieht - der Alleinerziehenden, wovon 90 Prozent Frauen sind, in Deutschland bedroht. Vielleicht könnte er dann die Frage, ob der Kapitalismus depressiv macht, besser beantworten.

Dr. Reiner Kretschmer-Nowakowski, Rebenstorf

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