Online: 07.09.2018 - ePaper: 07.09.2018

Inklusive Schule ist mehr als Barrierefreiheit

Betrifft: Artikel "Viel Nachholbedarf" (EJZ vom 24. August)

Als Lehrkraft an einer Fachschule für Sozialpädagogik erinnert mich der Artikel an die erste Stunde zum Thema Inklusion: Junge Menschen in der Erzieher/innen-Ausbildung sollen sich dem Begriff Inklusion nähern, und regelmäßig sehe ich, dass Begriffe nicht klar sind und der Inklusionsgedanke im nebulösen Dunkel liegt.

"Viel Nachholbedarf" attestiert Thomas Lieske der Samtgemeinde Elbtalaue im inklusiven Ausbau der Grundschulen. Viel Nachholbedarf sehe ich allerdings auch in der Verwendung der Begriffe und der Auslegung des Inklusionsgedankens: Rollstuhlgerecht verfehlt den Anspruch auf Barrierefreiheit, den der Gesetzgeber im Bundesgleichstellungsgesetz (BGG) verankert hat: "Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. (...)" (Paragaph 4)

Menschen mit Behinderungen definiert das BGG wie folgt: "Menschen mit Behinderungen im Sinne dieses Gesetzes sind Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können. (...)" (Paragraph 3). Es geht nicht nur um Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. "Rollstuhlgerecht" ist nur ein Baustein von Barrierefreiheit. Inklusive Schule ist mehr als Barrierefreiheit. Inklusion skizziert eine Gesellschaft, in der jeder Mensch akzeptiert wird, gleichberechtigt und selbstbestimmt an dieser teilhaben kann, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung, von eventuellen Behinderungen oder sonstigen individuellen Merkmalen. In der inklusiven Gesellschaft gibt es keine definierte Normalität, die jedes Mitglied dieser Gesellschaft anzustreben oder zu erfüllen hat. Normal ist allein die Tatsache, dass Unterschiede vorhanden sind.

Für Schulen bedeutet das, dass neben der baulichen Eignung auch eine inklusive Haltung innerhalb des Kollegiums vorhanden sein muss. Inklusive Schule setzt vorbereitete Lehrkräfte voraus, die ihren Unterricht zieldifferent vorbereiten und halten können. Daher muss nicht nur die materielle, sondern auch die personelle Ausstattung der Schulen in den Blick genommen werden. Inklusion ist ein Lern- und Entwicklungsprozess. Das braucht Zeit und Lernwillen. Ja: Es wird einen finanziellen Mehraufwand bedeuten, von dem alle profitieren könnten. Denn besser ausgestattete Schulen und ein besser aufgestelltes Kollegium bedeuten auch eine Verbesserung der Schulsituation für alle Schüler. Die Inklusion ist nach der UN-Behindertenrechtskonvention ein Menschenrecht. Machen wir uns auf den Weg.

Alexandra Ottavio, Hitzacker

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