Online: 14.09.2018 - ePaper: 15.09.2018

"Linke" Kapitalismuskritik

Betrifft: Kommentar "Verbittert" (EJZ vom 4. August)

Es ist noch nicht allzu lange her, als es aus der Chefredaktion hieß: "Es gibt nicht guten Journalismus und schlechten. Entweder ist es Journalismus, oder es ist keiner. Journalismus ist, wenn Journalisten Standards erfüllen. Etwa das ,Audiatur et altera pars', das Anhören der anderen Seite. Journalismus heißt nicht, eine Seite zu beleuchten und die andere im Schatten verschwinden zu lassen, sondern Realität als Ganzes - Stimmen und Gegenstimmen, Positionen und Oppositionen - auszuleuchten." Die vielen Leserbriefe zum Kommentar "Verbittert" vom Chefredakteur Jens Feuerriegel sind sicher auch eine Reaktion auf das, was Benjamin Piel am 27. Februar in der EJZ denn auch einräumte: "Zugegeben, das gelingt nicht immer."

Allerdings: Es hätten ein paar Mausklicks genügt, um zu erfahren, dass der von Jens Feuerriegel so positiv hervorgehobene Professor Dornes, der den Kapitalismus gegen seine "verbitterten" Kritiker in Schutz nimmt, bereits 2016 auf eine starke Gegenstimme stieß: Bevor er sein gleichnamiges Buch auf den Markt brachte, hatte Dornes nämlich einen Artikel verfasst: "Macht der Kapitalismus depressiv?" (In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 69, 2015: 115-160). Daraufhin kam es zu einem hochinteressanten Streitgespräch mit dem bekannten Soziologen Hartmut Rosa in der altehrwürdigen FAZ (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/streitgespraech-macht-der-kapitalismus-uns-krank-14308832.html). Und genau das, wie auch die von Dr. Kretschmer-Nowakowski in seinem Leserbrief vom 1. September erwähnte fundierte Replik auf Dornes von Stephan Schleim, erwähnt Herr Feuerriegel nicht - aus welchen Gründen auch immer. Kein Wunder, wenn man bei solch systematisch anmutendem Verschweigen der "anderen Seite" über bestimmte politische Neigungen in der Chefredaktion zu sinnieren beginnt… Auch blieb die Darstellung der Gegenstimme(n) bei einem weiteren Thema aus, bei dem es um die viel gescholtene Linke geht, die man hier gern schnell in der Gewalt-Ecke verortet: Ausgiebig wurde in der EJZ die "Neue Gewalt" beleuchtet (wenn nicht: ausgeleuchtet) und nicht die ganze Wirklichkeit von Meuchefitz und Hitzacker, mit dem Resultat, dass man sich in der kritischen Öffentlichkeit schon früh über die hiesige Berichterstattung mokierte. Es fehlte eben die andere Seite, welche unter anderem in einer mit der Klampfe charmant vorgetragenen Forderung nach Amtsenthebung desjenigen besteht, der da mutmaßlich seine Jungs für einen persönlichen Racheakt instrumentalisiert hat (siehe, bzw. höre: https://www.youtube.com/watch?v=p3A5VWNvQiU).

Dr. Thomas Krauß, Schnackenburg

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